Gestern – am 19.02.2017 – habe ich die Ausstellung „Rock & Pop im Pott“ in der Zeche Zollverein in Essen besucht.

Das Ruhrgebiet blickt auf eine lange intensive Musiktradition unterschiedlichster Stilistiken zurück. Von Punk, Wave, Rock, Jazz, Pop, Hard Rock, Heavy Metal und Techno haben in den letzten Jahrzehnten viele Bands die Musik, die Clubszene und die Kultur dieses dicht besiedelten Industriestandortes Ruhrgebiet geprägt. Bands wie Herne 3, Die Kassierer, Grobschnit, Extrabreit und Künstler wie Herbert Grönemeyer, Nena und Phillip Boa entsprangen dieser lebendigen Szene genauso wie feste Konzertinstitutionen wie der Rockpalast mit seinen legendären Rockpalast-Nächten in der Essener Grugahalle.

Die Macher der Ausstellung in der Zeche Zollverein haben sich vorgenommen, einen repräsentativen Querschnitt aus 60 Jahren Musikkultur im Ruhrgebiet zu präsentieren. Eine sehr spannende Idee. Abgesehen davon, dass mich dieses Thema natürlich begeistert, finde ich den Veranstaltungsort dieser Ausstellung sehr toll. Alte Fabrik- und Zechengelände haben mich schon immer angezogen.

 

So standen wir dann, nachdem wir uns durch Fließbänder und riesige Kohlesortiermaschinen bewegt hatten, im Treppenhaus abwärts auf dem Weg in besagte Ausstellung.

 

Hier wurde an die Atmosphäre der riesigen Fabrikhallen angeknüpft. Man konnte bereits auditiv einiges über die Musik der ausgestellten Epoche erfahren. Kurze Musikbeispiele unterschiedlichster Künstler waren hier zu hören. Passend dazu wurde an eine Wand per Laser eine kleine Info zur Musik und deren musikgeschichtliche Einordnung projiziert. Für mich war das ein sehr guter Einstig in die Ausstellung.

In der Ausstellung selbst gibt es unterschiedliche Themenbereiche.

  • Rock n‘ Roll
  • Beat
  • Musik + Politik
  • Festivals
  • Krautrock
  • Punk
  • Metal
  • Ruhr-Pop
  • Techno
  • Hip-Hop
  • Unterhaltungselektronik
  • Musikequipment
  • Der Sound des Ruhrgebietes
  • Tanz
  • Mode
  • Musikindustrie
  • Veranstaltungen

Diese Themenbereiche werden umrandet von einem Prolog Bereich (Bevor der Rock ins Ruhrgebiet kam) und einem Epilog Bereich (Rock und Pop Forever). Ich finde dieses Konzept richtig spannend. Durch Prolog und Epilog werden Schnittstellen geknüpft zu früheren Zeiten und zur Gegenwart.

So wird im Prolog die Entwicklung der Musikkultur im Ruhrgebiet seit Anfang der 1930er Jahre über Jazz (mit den Stilen Swing, Dixie und Skiffle), mitteleuropäischen Musiktraditionen (Volksmusik, Operette, Chanson, Revuetheater) und der Schlagermusik bis hin zum Rock’n Roll der 1950er Jahre beschrieben. Neben vielen Einflüssen ausländischer Musik wie z.B. dem schwarzen Rhythm and Blues aus dem Süden der Vereinigten Staaten, dem Ragtime, Charleston, Foxtrott der 1920er Jahre gilt die „Folkwangschule für Musik, Tanz und Sprechen“ (heute: Folkwang Universität der Künste) als Keimzelle der Musik im Ruhrgebiet.

Im Epilog Bereich sind Ausschnitte aus Interviews mit Musikern, Musikmanagern, Medienunternehmern und Veranstaltern aus dem Ruhrgebiet zu hören. Hier fand ich besonders spannend das Interview mit Prof. Dieter Gorny, der Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Musikindustrie ist und auf Grund seiner musikalischen Laufbahn und Erfahrung  interessante Dinge zum aktuellen Musikmarkt erzählen kann.

Worum es genau geht hat Kurator Christoph Schurian wie folgt formuliert:

„In den Interviews geht es um die Musik-Szenen im Ruhrgebiet heute. Wie beschreiben Künstler und Unternehmer die Gegenwart und den Strukturwandel im Musikgeschäft? Was sind die neusten Trends der Branche, wie entwickeln sich Festivals, Clubs und Diskotheken? Wie sieht sie also aus, die Zukunft von >>Rock und Pop im Pott<<?“

Ich bin normal nicht der Typ Ausstellungsbesucher, der vor Ort viele Texte liest und Interviews guckt. Die Themen waren aber so gut aufbereitet, gut formuliert und an vielen Stellen mit passenden (einfach abrufbaren) Hörbeispielen versehen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie die Zeit vergeht. In allen Ausstellungsbereichen konnte ich viele interessante Dinge entdecken und wieder entdecken. Fotos, Platten, Instrumente, Kleidung, Konzertberichte, Band- und Personenportraits im geschichtlichen Kontext.

Oft hatte ich das „Ach ja so war das“ oder „Ach das kenne ich auch noch“ – Erlebnis. So zum Beispiel bei dem Philips Kassettenrekorder „WEL 3302“, den wir  Ende der 70er in einer „Gerümpelkiste“ auf dem Dachboden eines Freundes entdeckten. Oder die Erinnerung an die coolen Jukeboxen, die wir als  Jugendliche auch noch live in mancher Spelunke erleben durften. Ich fand das immer sehr cool wie der Greifarm sich eine Single geangelt und aufgelegt hat. Dann das recht laute Knistern. Echt kult.

Ausgestellt ist ein Exemplar der Firma Bergmann: Das Modell „Symphonie 80“ aus dem Jahre 1957.

Die einzelnen Ausstellungsbereiche ausführlich zu beschreiben, sprengt natürlich den redaktionellen Rahmen dieses Blogs. Ich empfehle hierzu den wundervoll gestalteten Katalog zur Ausstellung >>60 Jahre Musik im Ruhrgebiet<<. Dieser ist toll gestaltet. Alle Themen der Ausstellung sind super aufgearbeitet: Ein tolles Stück Musikgeschichte. (Link zum Verlag weiter unten)

Nachdem ich mir einen Überblick über die Ausstellung verschafft und schon vieles gelesen, erlebt und gehört hatte, sehe ich am Ende eines Ganges ein mir bekanntes Logo. Mein Herz geht auf.

Als Jugendlicher habe ich mit meinen Freunden ab Anfang der 1980er Jahre so ziemlich jede Rockpalast-Nacht mitgemacht. Das war nicht immer einfach, da wir nur einen Fernseher hatten und ich mit meinen Kumpels den ganzen Abend bis spät in die Nacht das Wohnzimmer besetzt hatte. Wir haben oft nach den ersten zwei Bands gegen die Müdigkeit angekämpft und die letzte Band mit „Streichhölzern in den Augen“ erlebt. Aber es ging immer. Die Musik hat stets gesiegt.

Die Rockpalast Abteilung in der Ausstellung war für mich ein echtes kleines Fest. Viele Erinnerungen an Konzerte (vorm Fernseher oder auch live) kamen hoch. Ausgestellt wurden u.a. auch Tourplakate der Rockpalast-Konzerte und -Nächte. Man, das war sehr spannend. Ich kann mich noch genau an die coolen Moderationen von Alan Bangs und Albrecht Metzger erinnern.

Wie ich dann so stöbere fällt mir das Plakat der 11. Rockpalast-Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1982 „in die Hände“. Man, war das cool damals. Das Line Up war fantastisch und brachte mich damals mit Musik in Verbindung, die ich bis dahin noch nicht gehört hatte (LITTLE STEVEN AND THE DISCIPLES OF SOUL, GIANNA NANNINI und KID CREOLE AND THE COCONUTS). An der Ausstellungswand daneben hingen neben dem Ablaufplan und einigen Fotos auch die Catering-Listen dieser Konzertnacht, was ich total spannend fand. Ein Kreis schließt sich … echt verrückt. (Little Steven hatte zu der Zeit schon japanisches Tofu auf der Wunschliste).

Für mich und meine Familie war es ein spannender inspirierender Tag in der Ausstellung und in der Zeche Zollverein. Ich werde da bestimmt nochmal auflaufen und  intensiver in die Bergbau-Geschichte vergangener Tage eintauchen.

Wer Lust bekommen hat auf mehr zu dem Thema, kann hier noch etwas

 

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